Category Archives: Reflexionen

“Heidi will alleine bleiben”

Den Titel für diesen Post habe ich heute bei Twitter als Reaktion auf das Ergebnis zur Abstimmung über die Personenfreizügigkeit von EU Bürgern in die Schweiz gelesen und irgendwie ist er doch sehr zutreffend. Natürlich sehr polemisch, nicht sehr sachlich und einseitig.

(Ausführlicher, analytischer und ausgewogener findet man es in der NZZ: http://www.nzz.ch/aktuell/schweiz/argumente-der-wirtschaft-setzen-sich-nicht-durch-1.18239520)

Jetzt hat also Heidi, sprich die Mehrheit der deutsch (und italienisch) sprechenden schweizer Landbevölkerung, eine Abschottung der Schweiz gegenüber den Bürgern der EU, die in Massen ins Land strömen, beschlossen. Also genau der Teil der Schweizer, der EU Bürger wohl im Wesentlichen als Touristen, willige Erntehelfer und billiges Hotelpersonal kennt, hat zugestimmt, während man in den grossen Städten, in denen sich wie in Zürich tatsächlich Massen von sesshaften EU Ausländern (wie wir z.B.) tumeln und omnipräsent sind, dagegen stimmte. Aber ETH, Bahnhofstrasse und Paradeplatz (um bei Zürich zu bleiben), also internationale Spitzenforschung, Glamour und Grossbanken, sind dann eben doch nicht die Schweiz. Das Selbstverständniss ist doch viel bodenständiger und traditioneller (was man nicht nur an diesem für Deutsche so seltsam anmutendem Beharren an den schweizerdeutschen Dialekten erkennt). Der jahrhunderlange   Sonderweg, die heilige Neutralität, die Abgrenzung, der Kampf gegen fremde Richter und Vögte (wie es die SVP immer beschwört, als wollten die Habsburger ihr Land jetzt wieder zurück und Wilhelm Tell muss demnächste wieder auferstehen) hat bei gleichzeitiger wirtschaftlicher Blüte und grossem persönlichen Wohlstand, einzigartige Werte und das Gefühl einer Besonderheit hervorgebracht, die man nun bedroht sieht, durch Menschen, denen das fremd und befremdlich ist. Und das ist es jetzt wohl mehr als der “Dichtestress”, der so ein Ergebnis verursacht, in dem Teil des Landes, in dem nicht die globalisierte Swissness, sondern das ureigene Schweiz sein verwurzelt ist.

Das zu verlieren fürchtet man wohl mehr, als die ungewissen und diffusen negativen wirtschaftlichen Folgen eines Konfliktes mit der EU. Denn was jetzt kommt, ist eben alles völlig ungewiss. In welche konkreten Gesetze, Vorschriften und Verfahrensweisen wird die Vorlage von den Parteien in der Schweiz letztlich umgesetzt und wird die EU tatsächlich einmal konsequent sein und ihre Prinzipien über ihre wirtschaftlichen Interessen stellen? Man weiss es nicht. Der Ausländeranteil in der Schweiz wird jedoch sicherlich nicht zurückgehen, denn wer, nimmt man mal die ETH als Beispiel, soll denn dort in Zukunft die Spitzenforschung machen, welche Studenten sollen denn in den neuen Wohnheimen wohnen, wer soll die Büros und Klos in Zukunft putzen? In unserem Departement ist z.B. nur ein Professor gebürtiger Schweizer, in unserer Gruppe kommen auf einen Schweizer Interessenten für eine Stelle hunderte aus Europa oder Asien, usw… Da drängen einfach keine Schweizer nach, denen man als Ausländer was wegnehmen könnte.

Die Ausländer werden weiterhin gebraucht, nur soll laut SVP und Volkswillen (nein, zwei Jahre direkte Demokratie haben mich nicht überzeugt), nun nicht mehr das ausländische Individuum über seinen Weg hierhin entscheiden, sondern der Schweizer Staat sich die menschlichen Rosinen wieder selbst aussuchen, den willigen Erntehelfer, der ohne Familie nur für die Erntesaisson kommt, den hochqualifizierten Forscher und Facharbeiter, der dann vielleicht auch die Familie mitbringen darf und etwas länger bleiben kann…

Und für uns selbst? Ich weiss es nicht, aber irgendwie hat es doch auch was gutes, was klärendes. War es vorher eben auch nur ein diffuses Gefühl, dass es da viele gibt, die uns nicht mögen und nicht hier haben wollen, jetzt hat man es eben amtlich, es ist sogar die Mehrheit, nicht nur die 25% SVP Wähler. Zum Glück, haben wir persönlich hauptsächlich mit den Mitgliedern der 49,7% Minderheit zu tun, die so gar nicht in das Bild des ausländerhassenden, tiefbraunen Schweizers passen. Da geht es uns dann doch wieder, wie dem Ja stimmenden Schweizer Bergbauern, der die bösen EU Ausländer eigentlich nur aus der SVP Wahlkampfbroschüre kennt…

Und sonst? Man kann sich ja schon fragen, warum das Stimmvolk eigentlich der SBB so viele Milliarden harter Franken für den Ausbau des Bahnnetzes zugebilligt hat, wenn die Züge mangels Ausländern dann bald doch wieder alle leer sind… ;-)

Kohle

Als wir vor einem Jahr nach Zürich kamen, gehörten die Preise hier in Zürich wohl zu dem, was um am meisten beeindruckte und auch verunsicherte. Klar, die Gehälter sind ebenfalls deutlich höher, aber eben nicht so hoch, dass man bei Mietpreisen von 2000 Euro für eine normale, familienfreundliche Wohnung, nicht doch zurückschreckt. Wenn man dann zum ersten mal in den Coop oder Migros geht, wird es einem auch nicht wohler. Und so geht es dann weiter, 15 Euro für eine Pizza beim Lieferservice, eine Kinokarte koste auch nochmal soviel, halber Tag Kita kostet mal locker 2000 Euro pro Monat und Kind, die Krankenkasse hat auch nichts zu verschenken und was der Zahnarzt kostet, sagt einem erst gar keiner, da wird nur vielsagend geschwiegen. Aber OK, Konstanz ist ja nicht weit…

Und jetzt, nach einem Jahr? Nun ja, man gewöhnt sich langsam dran. Miete und Kitapreise beeindrucken zwar immer noch, auf die Pizza frei Haus verzichten wir eben, aber letztlich kann man sich dann eben doch nicht beschweren und was man an Ausgaben hat, entspricht dann eigentlich doch dem, was man verdient. Es ist eben vor allem ganz anders gewichtet als in Deutschland. Denn, ja, vieles ist eben auch billiger (oder besser preiswerter, wie man hier sagt). Z.B. der Strom, da zahlen wir weit weniger als die Hälfte von dem, was wir vorher in Deutschland bezahlt haben. Andere Dinge kosten in etwa das Gleiche, wie in Deutschland, und sind somit im Verhältnis zum Einkommen, eigentlich recht günstig, Elektroartikel etwa. Unseren neuen Fernseher hätten wir uns in Deutschland nicht leisten können. Und dank Aldi ist unser Haushaltsgeldbudget gar nicht soviel höher als in Deutschland. Kann man dann ab und zu noch in Deutschland einkaufen, hilft das auch nochmal ein gutes Stück weiter.

Zwar haben wir nun für uns einen Weg gefunden, mit den Kosten hier klar zu kommen, aber auf der anderen Seite zeigt unsere Lösung auch, dass wir noch nicht wirklich hier angekommen sind. Denn irgendwie haben wir doch das Gefühl, dass wir noch nicht wirklich die gleiche Einstellung zu den Preisen gefunden haben, wie die Schweizer selbst. Denn während wir fleissig beim Discounter einkaufen, macht das die Masse der Leute hier nicht wirklich. Was hab ich es als Kind immer gehasst zu Aldi zu gehen. Die ewig langen Schlangen an der Kasse, die Leute mit ihren fürchterlich übervollen Einkaufswagen. Schrecklich… Und hier? Es gibt kaum was entspannenderes , als bei Aldi einkaufen zu gehen. Denn da ist es immer so schön leer… Oder bei Denner, dem Migros Discounter. Letzten Freitag z.B. im Einkaufszentrum in Oerlikon. Beim Migros oben etwa sechs Kassen mit je drei Kunden, unten beim Denner eine Kasse mit  zwei Kunden…

Und wenn Denner auch eigentlich Migros ist und auf allen Produkten auch das Schweizer Fähnchen mit der “Suisse Garantie” drauf klebt, Denner ist eben billig und billig ist hier nun einmal nicht gut. Das hat man mir gleich am Anfang an der ETH klar gemacht: “Wir kaufen hier preisgünstige Qualität, billig gibt es im Media Markt”. Und so erinnern mich Aldi & Co. auch immer ein bisschen an Treffpunkte für Ausländer, was auch an unserer Wohngegend liegen mag, aber sicher nicht nur. Und umgekehrt ist es sicher auch kein Wunder, dass es dann eben ausgerechnet bei uns in der Nähe einen Aldi gibt…

Ganz allgemein hat man schon den Eindruck, dass Preise hier nicht so die Rolle spielen und im Zweifel man lieber nach Qualität (oder sollte man besser sagen Marken?) schaut. Und man gönnt sich mehr, jedenfalls gehen hier die 15 Euro-Pizza-Lieferanten nicht reihenweise pleite und der Zimt-Zucker-Crêpes für 4 Euro an der ETH verkauft sich auch gut, und es ist auch kein Problem, einmal Fritten mit Ketchup für 6 Euro an den Mann oder die Frau zu bringen und auf der anderen Seite des Preisspektrums muss Apple sich hier sicher auch keine Sorgen um seine Absätze des iPhones machen und so viele Leicas wie hier in Zürich, habe ich zuvor in meinem ganzen Leben insgesamt noch nicht gesehen.

Manchmal frage ich mich ja schon, wie ich da so rein passe. Aber vielleicht gewöhnt man sich ja daran…

 

Ein Jahr Schweiz…

Morgen vor genau einem Jahr, an Leanders drittem Geburtstag, sind wir damals in die Schweiz gezogen. Von Bonn nach Zürich, von einem Ort, in dem wir uns sehr wohlgefühlt haben, viele Freunde hatten (und immer noch haben, zum Glück), in eine Stadt, zu der wir vorher keinerlei Bezug hatten, praktisch niemanden kannten und wahrscheinlich auch nie hingezogen wären, hätten es die Umstände uns nicht aufgezwungen.

Inzwischen sind wir glaube ich ganz gut hier angekommen, und das ging eigentlich auch schneller, als damals, als wir direkt von Japan ins uns unbekannte Bonn gezogen sind. Wahrscheinlich liegt das hauptsächlich an den Kindern, durch die man unweigerlich mehr und schneller Kontakte bekommt, als wenn man alleine irgendwo ankommt. Auch mit der Wohnung hatten wir sehr viel Glück (war ja fast ein “Blindkauf”), wenn sie auch das genaue Gegenteil von unserer alten Bonner Wohnung ist. Aber sie ist einfach sehr komfortabel und die Lage ist, wenn man Kinder hat, ideal.

Auch was die Arbeit angeht, kann ich nicht klagen. Das liegt natürlich auch daran, dass mehr als die halbe Arbeitsgruppe aus alten “Bonnern” besteht und sich im Alltag gar nicht so viel geändert hat, aber sicherlich auch daran, dass wir mit den neuen Kollegen bisher sehr viel Glück hatten. Dieses Jahr wird die Arbeitsgruppe deutlich grösser werden, wobei auch einige alte Bekannte auftauchen werden, worauf ich mich schon sehr freue.

Insofern haben wir glaube ich einen sehr guten Start gehabt. Was natürlich nicht heißt, dass es nicht auch Negatives gab und gibt und man sich oft genug hier auch noch sehr fremd vorkommt. Wobei letzteres eigentlich immer noch an den gleichen Dingen hängt, wie zu Beginn, vor allem natürlich an der Sprache. Ja, damit stehe ich immer noch etwas auf Kriegsfuß. Sprechen geht gar nicht und verstehen, na ja, im direkten Gespräch halbwegs, aber nicht ohne Anstrengung…

Es gibt jetzt noch vieles, was ich über die Eindrücke des ersten Jahres schreiben könnte, zu Land und Leuten, zur Politik, über die ETH, das Leben hier, usw. und so fort. Aber nicht jetzt, sonst wird der Eintrag hier zu lang und das liest dann ja eh keiner (mal abgesehen davon, dass ich jetzt keine Zeit habe… ;-) ). Aber ich habe mir fest vorgenommen, in nächster Zeit mehr zu schreiben und nicht Gunda das Blog alleine zu überlassen.

Apropos Blog, das muss mal dringend aufgehübscht  werden und ein bisschen habe ich in den letzten Tagen ja auch schon damit angefangen. Aber da kommt noch mehr…

Und jetzt gute Nacht, morgen gibt es Kindergeburtstag und das wird nicht unanstrengend :-)

Hilfe!

Ich war ja noch nie wirklich überzeugt von unserer Kinderärztin.

Ich hatte sie schonmal nach Fördermöglichkeiten für Leander gefragt, der damals sehr an Raketen und Weltall interessiert war. Antwort: “Es gibt eine Vielzahl privater Fördermöglichkeiten. Gehen Sie doch mal mit ihm in den Zoo.”
Über die Patina im Wartezimmer könnte ich ja vielleicht noch hinwegsehen, und ich könnte mich vielleicht sogar damit arrangieren, dass die Sprechstundenhilfe es nicht für nötig hält, Hochdeutsch zu sprechen nachdem ich ungefähr zwanzig Mal nachfragen musste (und zum Schluss doch einen falschen Termin notiert habe).

Aber heute hat sie sich den absoluten Oberhammer geleistet:
Sie hat Valentin eine Impfung verpasst. Und weil das nunmal nicht schön ist und Kinder dabei schreien, kriegen sie zur Ablenkung und Belohnung einen Bonbon. So weit, so gut. Im Prinzip fand ich die Idee nicht verkehrt. Nur dass die Bonbons ungefähr die Größe eines Zwei-Euro-Stückes hatten und Valentin noch keine Backenzähne. Ich hatte gleich Zweifel, und sogar Valentin hat erst gezögert. Aber dann dachte ich, eine Kinderärztin weiß ja, was man in welchem Alter wem geben kann. Und die Bonbons waren von der Art her so, dass sie auch sofort hätten im Mund zerfallen können. Hat der Bonbon aber nicht getan, und Valentin hat sich SO sehr daran verschluckt, dass er keine Luft mehr bekommen hat. Mit einem gezielten Griff hat die Ärztin dann diesen Würgereflex ausgelöst, wodurch Valentin (immernoch auf meinem Arm) seine halb verdaute Portion Spaghetti Bolognese auf sich und mich erbrochen hat. (Später habe ich dann noch den Bonbon in meinem Ausschnitt gefunden.) Während ich den berechtigterweise brüllenden Valentin beruhigt habe, hat die Ärztin mit Unmengen Papier an uns rumgewischt und dabei noch versucht, Witze zu machen. Da war mir dann aber echt nicht mehr nach. Entschuldigt hat sie sich nicht…

Zum Glück war Leander während dieser ganzen Aktion in der Krippe. Er hat nur hinterher die stinkenden Flecken bemerkt. So, wie etliche Leute im Bus…

In Zürich ist jedes zweite Kind ohne festen Platz bei einem Kinderarzt. Diese Ärztin musste uns aufnehmen, weil wir in ihrem Einzugsgebiet wohnen. Und wir hatten keine andere Wahl. Die Frage ist nur: Will man wirklich um jeden Preis einen Kinderarzt, oder dann doch lieber einfach keinen und nur ne Notfallambulanz?