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Beim Check für Zweijährige hat die Kinderärztin gesagt, Valentin solle zum Logopäden. Wir fanden das gar nicht. Und alle Leute, die mit ihm sonst so zu tun haben, auch nicht. Immerhin kann er sich mit uns verständigen und ist nicht frustriert, dass er nicht genug kann. Er hat sogar in den letzten Wochen riesen Fortschritte gemacht. Ich habe trotzdem zugestimmt, um auf Nummer Sicher zu gehen und Ruhe zu haben. Allerdings fällt mir hier in der Schweiz immerwieder dieses Pathologisieren auf. Was nicht der Norm entspricht, ist potentiell immer behandlungs- oder korrekturbedürftig. Auch, wenn die Möglichkeit besteht, dass sich das meiste von selbst auswächst oder regelt.

Eigentlich muss man ja beim Kinderspital immer ziemlich lange warten bis man einen Termin bekommt. Aber heute bekam ich einen Anruf, es sei plötzlich ein Termin für den Nachmittag frei geworden. Also haben wir unsere ganze Kinderbespaßung sausen lassen und sind ins Kinderspital gefahren.

Im Prinzip war alles so, wie ich es erwartet hatte. Beide Kinder hatten eher das Gefühl, wir wären zu einem Spieltermin gegangen. Leander hat sogar zufrieden in der Ecke gespielt, während Valentin die Tests gemacht hat. Die Logopädin hat vorher einige Fragen gestellt. Unter anderem hat sie nach der Sprache gefragt, die bei uns zu Hause gesprochen wird. Als ich “Hochdeutsch” geantwortet habe, hat sie gesagt, sie würde dann die Tests auf Hochdeutsch machen. Erst fand ich die Idee gut, weil Valentin einfach noch nicht richtig Schweizerdeutsch versteht. Im Nachhinein hätte ich es besser gefunden, sie hätte das Ganze auf Schweizerdeutsch gemacht und mich um Vermittlung gebeten. Denn was die Logopädin dann gesprochen hat, war so ein halbes Hochdeutsch, das Valentin eben nur zum Teil verstanden hat. Wenn ich versucht habe, zu “übersetzen”, schien es mir, als sei es ihr nicht recht gewesen. Das konnte ich natürlich auch verstehen, aber ich hatte das Gefühl, dass das Ergebnis sonst einfach falsch gewesen wäre. Z.B. hat sie Valentin gesagt, er solle die “Tellr” (Teller) aus dem “Gestell” (Regal) rübergeben, um nur eines von mehreren Beispielen zu nennen. Mit diesen Wörtern konnte Valentin einfach nichts anfangen.

Aber es kam noch irritierender: Nach dem Test hat sie gefragt, wie Valentin Leander nennt. Erst hat er ja “Gaga” gesagt, dann “Nana” und jetzt “Anda”. Die Logopädin hat gefragt, warum diese Bezeichnungen alle mit “a” aufhören. “Leander” würde doch auf “er” enden. Ich habe ihr gesagt, dass wir das “er” bei “Leander” als “a” aussprechen. Da hat sie gefragt: “Ach, Sie sprechen Dialekt?” Ich habe vollkommen vergeblich versucht, Ihr zu erklären, dass wir keinen Dialekt, sondern Umgangs-Hochdeutsch sprechen, und dass man ja auf Hochdeutsch die meisten “er”-Endungen mit “a” ausspricht. (Man spricht ja auch die Endsilbe “-ig” wie “-ich” aus.)

Ich bin gespannt auf den Bericht…

Bezahlbildung.

Um es vorweg zu sagen: Ich glaube, dass man in der Schweiz sehr gute Bildung bekommt. Auch in staatlichen Institutionen. Da können sich deutsche Schulen manchmal wirklich ein Beispiel dran nehmen. Und nicht umsonst sind Schweizer Privatinternate weltweit von hochrangigen Persönlichkeiten zur Ausbildung des Nachwuchses gefragt. Und abseits davon?

Heute ist mir dieser Artikel über den Weg gelaufen: http://www.tagesanzeiger.ch/zuerich/region/-Die-Falschen-machen-die-Matur/story/19517832 Er beschreibt unter anderem die Tendenz, die eigenen Kinder für die Aufnahmeprüfung am Gymnasium teuer coachen zu lassen, wodurch die Kinder betuchter Eltern größere Chancen auf die Aufnahme am Gymnasium haben.

Da ist sie wieder; diese Ungleichheit der Chancen, die mir hier immerwieder auffällt. Hohe Studiengebühren, horrende Schulgelder für Privatschulen, Coaching und Nachhilfe für Kinder und Jugendliche, teure Musikschule und andere Freizeitaktivitäten. Und immerwieder dieses zweifelnde Fragen von Eltern, ob denn der staatliche Kurs überhaupt gut sein kann, weil der ja so preiswert ist. Qualität muss wohl teuer sein…

Und was machen kluge Kinder, die keine reichen Eltern haben? Die machen halt irgendwas anderes. Muss ja nicht immer das Abitur (die Matur) sein. Da sind sie dann zwar vielleicht unterfordert oder sonst irgendwie nicht richtig oder unzufrieden; dafür kann man sich dann super mit dem Fahrkartenverkäufer über die Relativitätstheorie austauschen. Oder: Die Eltern arbeiten sich krumm, damit das Kind bessere Chancen hat; dafür gibt es dann aber natürlich weniger Zeit für die Familie und gestresste Eltern.

Letztlich kann da ein ganz unguter Teufelskreis entstehen: Wenn die Eltern schon keine reichen Eltern hatten und dadurch einen finanziell schlechter gestellten Job, können natürlich deren Kinder auch nicht so weit kommen und deren Kinder dann auch wieder nicht. Heißt das jetzt, dass die Reichen die Intelligenteren sind? – Doch wohl hoffentlich nicht!

Damit das jetzt keiner falsch versteht: In Deutschland gibt es diese Prüfungen nicht; nur ein halbes Jahr Probezeit. Ich habe schon während meiner eigenen Schulzeit das Gefühl gehabt, dass es einfach zum “guten Ton” gehört, auf das Gymnasium zu gehen und dass das Abitur inflationär war. Ebenso ein Studienabschluss. Daran kann man das andere Ende der Chancengleichheit sehen.

Natürlich gibt es in der Schweiz immer die, die es “trotzdem” schaffen. Die, die ganz oben sitzen und ihre Wurzeln nicht vergessen haben. Aber alleine die Tatsache, dass man das immer mit einem “trotzdem” betonen muss, gibt mir zu denken.

Was ich neben all dem an der Schweiz sehr schätze, ist die weite Verbreitung des Sponsorentums. Es scheint sehr viele Leute zu geben, die das Gefühl haben, genug für sich und ihr Leben zu haben und deshalb etwas abgeben können. (Natürlich nicht ohne die Erwartung, in Ehren und Würden gehalten zu werden.) Wenn man es also “trotzdem” schafft, dann vielleicht manchmal, weil man zufällig im richtigen Moment auf eine passende Stiftung gestoßen ist und diese dann auch noch vom eigenen Können oder irgendwelchen anderen Notwendigkeiten überzeugen konnte.

Ich werde also versuchen, für unsere Familie immerwieder neu einen Mittelweg zu basteln, damit meine Kinder es “trotzdem” schaffen können, die Bildung zu bekommen, die ihnen gerecht wird. Vielleicht muss ich mich dabei krumm arbeiten, vielleicht muss ich betteln gehen. Aber der Beigeschmack der Ungerechtigkeit wird bleiben. Wenn nicht für meine eigenen Kinder, dann für andere.

Smalltalkfalle.

Wer mich kennt, weiß, dass ich ein offener und kommunikativer Mensch bin.

Damit war ich im Rheinland gut aufgehoben. In der Schweiz eher weniger. Natürlich habe ich auch hier Menschen gefunden, die meine Art schätzen und die ich auf eben diese Weise (über Smalltalk) kennengelernt habe. Ich habe auch schon das ein oder andere Wort mit völlig Unbekannten gewechselt. Und trotzdem empfinde ich das hier als Seltenheit. Auch anderen Ausländern geht das hier so, wie ich oft höre.

Einen Unterschied wie er deutlicher nicht sein kann, zeigen die Friseurbesuche auf. (Was ja hier Coiffeur heißt.) Während in Deutschland spaßeshalber immer der Spruch kursiert “Das kannst du ja dann deinem Friseur erzählen.” und tatsächlich die Leute manchmal brisante Details aus ihrem Leben auspacken, ist es bei unserem Coiffeur still. Alle Versuche, mit meiner Coiffeuse ins Gespräch zu kommen, sind bisher nach drei Sätzen gescheitert. (Was jetzt für mich kein Drama ist. Nur merkwürdig.)

Jedenfalls bin ich froh über die, die mich als “direkte Labertasche” mögen und nehmen, wie ich bin. Und die auch selber lange reden können. Und die gibt es zum Glück auch in der Schweiz.